Philosophie und Politik

Hochschulen im Wettbewerb
Bildung für nachhaltige Entwicklung
Programmiersprache als ideale Sprache
Kapitalismus - ein Gedankenexperiment
Geld - ein Naturphänomen
Das Pendel des Geistes
Paternalismus: Die unsichtbare Macht
Kapitalismus an sich

zurück

Kapitalismus - ein Gedankenexperiment


Überlegungen vom Gefangenendilemma über Ayn Rand bis zum echten Kapitalismus. Veröffentlichung im Kompetenznetz Mittelstand - Mai 2014

Das Gedankenexperiment hat eine lange Geschichte und Tradition in fast allen Kulturen und Philosophietraditionen. Bereits im alten Griechenland dachte man darüber nach, ob Achill eine Schildkröte mit Vorsprung überholen könnte. Putnam stellte sich ein Gehirn im Tank vor, welches getrennt von der Außenwelt, mit Bildern und Phänomenen gereizt wird. Er fragte sich, ob dieses schwimmende Gehirn die vorgetäuschte Realität von der tatsächlichen Welt unterscheiden könnte. Jeder, der den Film Matrix kennt, kann sich etwas darunter vorstellen. Gedankenexperimente stellen unser gesichert geglaubtes Wissen auf die Probe: Der bewusstlose Geiger hinterfragt, ob wir die Entscheidungsgewalt über unseren eigenen Körper wirklich abgeben wollen. Stellen Sie sich vor, Sie würden eines Morgens mit einem bewusstlosen Geiger aufwachen, der an ihren Körper angeschlossen wurde. Wie würden Sie reagieren? Gedankenexperimente erscheinen zunächst gar nicht als solche, da man selbst genauer hinschauen muss, um sie zu erkennen wie bei Hitchcocks „Die Vögel“.
Der Kapitalismus hat durch die Finanzkrise und Umwälzungen in der Bankenwelt einen schlechten Ruf bekommen. Es scheint häufig so, als wären Sozialismus und Kommunismus die gegenteiligen Aspekte eines wild gewordenen Kapitalismus, der sich von den „Leichen die er erzeugt, ernähren muss. “Es scheint, als würde das Ideal des Kapitalismus verloren gehen, nach welchem der Mensch wirtschaften und handeln kann. Geld ist nicht per se schlecht oder abzulehnen: Überall wo Geld ist, wird auch gewirtschaftet, produziert und gehandelt.
Ayn Rand beschreibt in ihren Büchern den Kapitalismus als das unbekannte Ideal. In ihrem Buch „Atlas Shrugged“ geht sie auf verschiedene Aspekte ihrer Philosophie ein. Ihre Helden erleiden trotz hoher Motivation und ihres Unternehmergeistes häufig Rückschläge und müssen Hindernisse überwinden. Es ist bemerkenswert, dass eine Autorin, die in den U.S.A. zu den meistgelesenen Schriftstellern gehört, hier in Europa kaum bekannt ist. In ihrer Theorie, bekannt unter dem Namen Objektivismus, fordert sie die Eigenschaft eines grundlegend egoistischen Handelns. Dies mag für uns zunächst fremd und nicht nachvollziehbar erscheinen, aber das muss es nicht.
Eines der Hauptargumente für einen ausgedehnten Staat und die Fehlbarkeit menschlichen Handelns ist der Egoismus. Schon Hobbes lehrte in seinem Leviatan, dass der Mensch dem Menschen auch ein Wolf sein könne. Deshalb forderte er dazu auf, dies zu verhindern und Stabilität und Schutz aufzubauen, um schlimmere Handlungen der Menschen untereinander zu verhindern. Als Paradebeispiel dient in der Diskussion häufig das sogenannte berühmte Gefangendilemma, ein weiteres Gedankenexperiment:
Zwei Verbrecher werden nach einem Überfall auf eine Bank voneinander getrennt und in zwei verschiedene Zellen eingesperrt. Die Beweislage ist schlecht. Für die Polizei wäre es das Beste, wenn einer oder besser beide, ihre Tat gestehen würden. Sie bieten jedem einzelnen einen Handel an: Wenn der befragte Räuber zugibt, dass sie den Raub begangen haben, dann bekommt der ehrliche Räuber eine Strafmilderung und der andere die volle Strafe. Jetzt gibt es mehrere mögliche Ausgänge dieses Experimentes: Passives Verhalten von beiden Teilnehmern, ein Teilnehmer verhält sich aktiv oder beide. Es könnten beide Räuber schweigen und auf diese Weise ungestraft davonkommen. Aber was ist, wenn der jeweils andere zugibt, den Raub begangen zu haben?
Der schweigsame Räuber würde mit der höheren Strafe belegt werden, also wäre es in der Situation des Einzelnen besser, die Tat zu gestehen. Das Dilemma ist, dass in der Summe, die Strafe höher ausfällt, als im Fall, dass beide Personen nichts gesagt hätten. Dieses Experiment wird häufig als das Beispiel gewählt, dass Interakteure in einem Markt nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind und nie das Ganze im Blick haben. Dies mag die Menschheit oder die Umwelt sein, das lokale Optimum wird über das des globalen gestellt.
Häufiger Kritikpunkt am Kapitalismus wird mit dem Gefangenendilemma verstärkt, dieser erscheint dann als Heuschrecke oder Verbund aus Egoisten, die nur in die eigene Tasche wirtschaften wollen. Wenn man es aber verallgemeinert, zeigt sich - sowohl theoretisch als auch experimentell -, dass es sich hierbei um ein zu stark vereinfachtes Gedankenexperiment handelt, wie das folgende Beispiel zeigt, denn es gibt noch eine weitere Variante des Gefangendilemmas:
Bereits von Neumann erkannte früh, dass Menschen untereinander nicht nur einmal das Gefangenendilemma spielen würden, sondern mehrfach hintereinander. 1980 machte ein Forscher Namens Axelrod die Probe aufs Exempel, er ließ gleich eine Gruppe in mehreren Runden gegeneinander antreten. Was geschah nun? Es setzte sich eine kooperative Strategie durch, die manchmal als „shadow of the future“ oder Tit-For-Tat bezeichnet wird. Hat sich ein Mitspieler den Ruf aufgebaut, dass er immer die höchste Punktzahl erspielen will (in unserem Fall straffrei entlassen zu werden), dann wird er auf andere Kooperationspartner treffen, die ebenfalls die hohe Punktzahl wollen. Die Spieler, welche immer auf die niedrige Punktzahl abzielen, können sich nicht durchsetzen. Das Spiel ging als „Iteratives Gefangendilemma“ in die Geschichte ein und es zeigt, dass eine Gruppe aus reinen Egoisten einen Vorteil haben kann, zu kooperieren.
Was zeigt uns das Dilemma noch? Der geforderte Egoismus von Rand muss nicht in einem Kapitalismus enden, der Ressourcen verschlingt und sich negativ über die Welt ausbreitet. Im Gegenteil: Ein kapitalistisches System im eigentlichen, Ayn Randschen Sinne, ist in geradezu extremem Masse auf Dauerhaftigkeit, Nachhaltigkeit, Erhalt sowohl materieller als auch menschlicher Ressourcen ausgelegt! Sie stellt in ihrem Buch „Atlas Shrugged“ die Frage, was geschehen würde, wenn eine Gesellschaft alle ihre Leistungsträger eliminieren würde. Die im Buch gestellt Frage: „Wer ist John Galt?“ bezieht sich auf einen Erfinder des sogenannten Galtmotors, welcher in der Lage wäre statische in kinetische Energie umzuwandeln. Aufgrund der vielen Bedenken und Hindernisse verwirft der Erfinder sein Werk und nimmt alle Leistungsträger mit in seine Protestbewegung auf. Die Frage wird zum Markenzeichen. Dies ist das eigentliche Gedankenexperiment, welchem man sich stellen muss: Wer sind die Leistungsträger und was geschieht, wenn diese entfernt werden? Hat eine Entwicklungshilfe noch einen Zweck, wenn sie Menschen dazu bringt, stets nach dem Geld aus den Spendernationen zu suchen und eigenes Unternehmertum nicht lohnt? Hat ein Erfinder noch ein Interesse an seiner Erfindung, wenn er einer Dekonstruktion unterworfen wird und seine Erfindung sofort der Menschheit kostenlos zur Verfügung stellen muss? Haben nicht Kapitalisten, wie Krupp und viele andere, ein Interesse an einem gesunden ausgebildeten und glücklichen Mitarbeiter, der seine Arbeit effizient leisten kann?
Man darf den Kapitalismus nicht als reine Egoistenveranstaltung für eine kleine Elite abwerten und seine Vorteile übersehen. Menschen, die riesige Umverteilungsprozesse in Gang bringen wollen, bedenken nicht, dass zunächst etwas erschaffen werden muss, dass es zu verteilen gilt. Wir müssen nach den Leistungsträgern suchen und herausfinden wer die Produzenten sind und nicht die Verwalter. Wenn die Produzenten diejenigen um Erlaubnis fragen müssen, die nicht produzieren, dann läuft etwas grundlegend falsch. Es gilt die begeisterten Menschen zu finden und diese in ihrem Streben nach einem immer besseren Produkt zu unterstützen. Geschaffene Freiräume und Inspiration in der Mitarbeiterführung, sind dann mehr wert als zu viel Kontrolle und Paternalismus. Selbst Egoisten schließen sich zu kooperativen Gruppen zusammen, wenn Sie einen Vorteil oder Gewinn für sich sehen und genau das ist echter Kapitalismus.