6. Stufe
Andere Mütter haben auch hübsche Argumente: Verbündete finden
Wer sind Ihre Verbündeten? Oder lassen Sie mich die Frage in diesem Kapitel anders stellen: Warum gibt es Unterschiede?
Viele Debatten werden meiner Ansicht nach falsch geführt.35 Die Ausgangsfrage kann lauten: »Wie kann man die Rente in Deutschland sicher und mit hoher Rendite gestalten?«
Auf der einen Seite stehen die Personen, die Kinder haben oder aufziehen, und auf der anderen Seite stehen die Menschen ohne Kinder. Jetzt kann man beginnen, sämtliche Argumente für oder gegen beide Seiten zu verargumentieren.
Die Menschen mit Kindern setzen eine neue Generation in die Welt oder stellen diese auf, diese wird dann Jahrzehnte lang Geld erwirtschaften und unter anderem auch die Personen stützen, die keine Kinder haben. Das kann man als unfair betrachten, da die Personen ohne Kinder viel mehr Freizeit haben und mehr Geld zur Verfügung als alle Eltern. Auf der anderen Seite zahlen kinderlose Paare mehr Steuern ein, das kann man auch unfair finden, da diese Steuern für Schulen oder Bildungseinrichtungen genutzt werden, die sie selbst nicht in Anspruch nehmen. Jetzt könnte man von Neuem argumentieren, dass die Kinder ausgebildet sein müssen, um einen guten Beruf in der Zukunft zu bekommen, und dass sie auch wieder die Menschen ohne Kinder versorgen müssen usw.
Die Debatte kann hin und her gehen und ohne eine Meinung zu diesem Thema zu haben, kann man mehr Steuern für Menschen ab 40 ohne Kinder fordern oder größere Entlastungen für Familien – oder einzelne Personen gezielt überreden oder an diese appellieren, dass sie doch mehr Kinder in die Welt setzen sollten.
Wie finden wir hier Verbündete oder lösen vielleicht eine ganz andere Debatte aus? Man könnte die einleitende Frage anders formulieren:
»Wie schaffen wir es als Generation, unsere nachfolgende Generation so aufzustellen, dass diese uns gut im Alter unterstützen kann?«
Eine einfache Änderung in der Frage, die aber eine enorme Wirkung hat. Jetzt geht es nicht mehr darum, zwei »Seiten« gegeneinander auszuspielen und diese womöglich für schuldig zu erklären, wenn diese Kinder haben oder mehr Steuern zahlen. Es geht jetzt darum, wie wir alle zusammen es schaffen können, eine ganze Generation zu bestärken, bis diese uns im Alter ernähren kann.
Fangen wir an: Die Kinderlosen können durch Geld dafür sorgen, dass gute Schulen gebaut werden, das sorgt für einen hohen Bildungsstandard, dieser wiederum sorgt für hochwertige Arbeitsplätze, hohe Einkommen und gute Einzahlungen in das Rentensystem. Die Eltern oder alle Personen, die Kinder großziehen, schaffen die Grundlage für eine neue Generation. Sie müssen dafür sorgen, dass die Kinder auch in die Vorteile und in den Nutzen eingebunden werden, der durch alle Handelnden aufgebaut wird. Beide »Seiten« ziehen an einem Strang und haben das gleiche Ziel, sie sind miteinander verbündet.
Nehmen wir ein anderes Beispiel, die Debatte bei einer Pandemie um Geimpfte und Ungeimpfte. Man kann wieder beide Seiten gegeneinander ausspielen oder die Frage anders formulieren: »Wie können wir es als Gesellschaft schaffen, das Virus zu besiegen?« Dann gibt es zwei »andere Seiten«, hier das Virus und dort die Menschen und nicht mehr Geimpfte und Ungeimpfte. Schauen wir uns dazu die Rede des französischen Präsidenten an:
(Fernsehansprache des Präsidenten, 16.03.2020)36
»Wie ich bereits angekündigt habe, hat die Regierung strenge Regelungen getroffen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen.«
Etwas später heißt es:
»Wir befinden uns im Krieg, zugegebenermaßen in einem Gesundheitskrieg: Wir kämpfen weder gegen eine Armee noch gegen eine andere Nation. Aber der Feind ist da, unsichtbar, nicht greifbar, auf dem Vormarsch. Und das erfordert unsere allgemeine Mobilisierung.«
Diese Stelle ist deshalb wertvoll, weil etwas klar wird. Der Feind ist das Virus. Es geht nicht darum, wer alt ist oder jung. Wer ist in Gefahr und wer nicht? Später gibt es auch keine Trennlinie zwischen Geimpften und Ungeimpften. Es geht darum, dass wir als Gesellschaft einen gemeinsamen Feind haben und dieser ist das Virus. Die Verbündeten in diesem Fall sind alle Menschen, die betroffen sind oder betroffen sein können. Im Grunde alle Personen, die sich anstecken können.
Das Problem
Wir wissen oft nicht, wer oder was die »Gegner« oder »Verbündeten« in einer Debatte sind, man kann sich das beispielsweise auf diese Art denken: Eine Veränderung findet statt, es wird eine Subvention oder eine neue Steuer eingeführt. Dann gibt es Gewinner und Verlierer.
Ein paar werden Erleichterungen bekommen und andere werden ggf. mehr bezahlen oder von den Erleichterungen nicht betroffen sein. Man kann sich bei Gesetzen, Änderungen, Debatten oder Meinungsverschiedenheiten oft nicht vorstellen, dass es diese Seiten gibt beziehungsweise welche »Parteien« man vor sich hat, hier ein paar Ideen oder Gedanken dazu.
Eine Veränderung findet statt oder eine bestimmte Rede soll eine ganz spezifische Wirkung erzielen:
- Wer profitiert davon beziehungsweise wer kann hier verlieren?
- Gibt es einen Unterschied zwischen alten und jungen Menschen?
- Welchen Vorteil können einige Personen daraus ziehen und welchen Nachteil kann genau dieser Nutzen für die anderen Personen haben?
- Wenn man die Gesellschaft einteilt in verschiedene Gruppen, wer ist betroffen, wer weiß vielleicht noch gar nichts davon und welche Gruppen kann man hier erkennen?
Oft sind diese Fragen deshalb schwer zu beantworten, weil das in komplexen und dynamischen Systemen, in denen wir uns oft befinden, nicht einfach ist. Eine Möglichkeit, wie wir hier Hilfe bekommen können, ist ein Einblick in die Soziologie37:
Eine Gruppe oder eine neue Gruppe kann bereits ab drei Personen entstehen. Die Mitglieder dieser Gruppe befinden sich über einen längeren Zeitraum in Interaktion oder sozialem Kontakt. In der Regel verfolgen sie dann bewusst oder unbewusst verschiedene oder gleiche Ziele und bilden dadurch auch gleiche Vorstellungen oder Normen beziehungsweise Wertesysteme aus. Größere Gruppen können dabei diffusere Beziehungen eingehen als kleinere Gruppen oder einfach Paarbildungen, die nur aus zwei Personen bestehen.
Nun kann man sich schnell vorstellen, dass es viele solche Gruppen gibt. Diese interagieren entweder mit ähnlichen Moralvorstellungen oder religiösen Intentionen miteinander oder haben soziale oder kulturelle Themen, die diese miteinander in Verbindung bringen. Vielleicht wollen die einzelnen Gruppen etwas ändern oder einfach neu gestalten oder sie legen Wert auf den Erhalt einer bestimmten Sache oder einer Lebensart.
Durch den soziologischen Blick auf Gruppen können wir einen Text als Rhetoriker anders verfassen oder anders verstehen. Einerseits können wir die Adressaten direkt oder indirekt ansprechen, andererseits müssen wir auch verstehen oder darauf achten, dass ein Text oder eine Ansprache von unterschiedlichen Personen auch unterschiedlich verstanden werden kann. Kongenial kann ein Text also nur dann sein, wenn man diesen in den Gruppen oder Interaktionen transportiert, um diese dann in unserem Zeitgeist zu durchdenken.
Das mag unübersichtlich klingen: Die Gruppen und Interaktionen eines Zeitalters und die entsprechenden Gedanken dazu und die Übertragung in ein neues Zeitalter mit allen neuen Gruppen, die wiederum ganz andere Normen und Vorstellungen haben. Oftmals ist es dann wichtig, entweder den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden oder eine universelle oder zeitgemäße Vorstellung zu definieren, die von vielen oder praktisch allen verstanden und akzeptiert wird. Kurz gesagt: Kongenialität ist viel Arbeit, lohnt aber in den Auswirkungen umso mehr.
Noch ein Gedanke zum Abschluss, der zeigen soll, dass das Stellen einer richtigen Frage von großem Wert sein kann. Denken Sie sich die Frage: »Was verbinden Sie mit Italien oder mit Italienern?« Man kommt schnell auf ein paar Klassiker, da wäre das gute Essen, die Erfindung der Pizza38, Menschen, die mit den Händen reden und sich beim Fußball ärgern.
Was passiert hier? Wir reden im Grunde über Stereotypen und Klischees. Das ist normal, wenn man an die Frage denkt, was passiert aber, wenn wir folgende ähnliche Frage stellen: »Welche persönlichen Erfahrungen verbinden Sie mit Italienern oder Italien?« Die Antworten fallen in der Regel unterschiedlich aus: Gastfreundschaft, Herzlichkeit, Neugier über das eigene Land, eine Einladung zum Essen, Fußball spielen am Abend und in einer Gemeinschaft, ohne die Sprache zu können.
Wichtig ist hier: Denken Sie daran, dass Sie mit Ihrer Frage Verbündete finden können, aber auch auf Klischees abzielen, vielleicht ohne es zu wollen.39
- Zum Vergleich der Bildungsauftrag der Regierung zur Rentenpolitik, siehe https://www.bpb.de/themen/soziale-lage/rentenpolitik/ (Abruf 16.09.2024) ↩
- Siehe die komplette Rede hier: https://de.ambafrance.org/Fernsehansprache-von-Staatsprasident-Emmanuel-Macron-zum-Coronavirus-Covid-19 (Aufruf 29.06.2023) ↩
- Homans, George Caspar: Theorie der sozialen Gruppe. 6. Auflage. Westdeutscher Verlag, Köln/Opladen 1972 ↩
- Das waren vielleicht auch die Etrusker, aber das ist für den Gedanken gerade nicht weiter von Belang. ↩
- Beim schottischen Unabhängigkeitsreferendum 2014 wurde sehr lange an der Frage gearbeitet, die man dem Volk stellen wollte, man einigte sich auf „Soll Schottland ein unabhängiges Land sein?“, siehe https://www.lpb-bw.de/schottland (Abruf 16.09.2024) ↩
Aus: Patrick Hedfeld, Rhetorik – Ein Praxisbuch für Selbstlerner, ANTHEUM Verlag, Frankfurt am Main 2025, S. 48–53. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.