Vorbemerkung: Im Kapitel zuvor führt der Text Daniel Kahnemans zwei Systeme ein. System 1 denkt schnell, automatisch und mühelos, System 2 langsam, willentlich und anstrengend. Der folgende Abschnitt liest beide mit Hegel.
Herr und Knecht
Es sprach der Herr zum Knecht: „Mir geht es schlecht.“ Da sprach der Knecht zum Herrn: „Das hört man gern.“ — Robert Gernhardt
Die Figur des Selbstbewusstseins, beziehungsweise der Weg dorthin, ist die Überwindung der reinen Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt, einzelnen Individuen oder Subjekt und Substanz. Es ist der immanente Weg, die Substanz als Subjekt aufzufassen, die immer wieder neue Erfahrungssperre zu überwinden und in der gegenseitigen Anerkennung festzustellen, dass alles bereits Geist ist. Geist als Überlagerung von Substanz und Subjekt.
Hegel würde sich sicher über das Moment der Verdopplung bei Kahneman freuen. Immer wenn von zwei Systemen die Rede ist und diese miteinander in Wechselwirkung treten, erhöht das meiner Ansicht nach die Momente der Reflexivität. Man könnte System 1 und 2 in den Bildern von Herrschaft und Knechtschaft so interpretieren, dass System 1 das von der Außenwelt getrennte System ist, eines, das keinen direkten Zugang zur Realität hat und sich nicht an dieser abarbeiten muss. Darauf verweist auch der Satz, als es im Buch um eine Diskussion zwischen Kosten und Verlusten ging:
Verluste rufen stärkere negative Gefühle hervor als Kosten. Wahlen sind nicht realitätsgebunden, weil System 1 nicht realitätsgebunden ist.
Auf diese Weise wäre System 1 der Herr, welcher tief in seine eigene Welt der Vorstellungen eingebunden ist. System 2 wäre der Knecht, der sich mit seinem Außenbezug an die Realität hält und sich in dieser verliert. System 2 wäre, mithilfe des Begriffes der Arbeit, das sich mühsam abarbeitende System, welches rechnen und grübeln muss. Aber ohne die jeweilige Unterstützung zwischen den beiden Systemen funktioniert es nicht.
Ein reines System 1 wäre ohne Realitätsbezug und, wie in Hegels Kritik am Stoizismus, eine innere, leere Freiheit, die nicht an die Außenwelt gelangen kann. Ein reines System 2 hätte keine inneren, kohärenten Muster und könnte keine Eindrücke oder Muster erzeugen. Auch dieses würde sich in der Außenwelt verlieren, als eine Art reiner Skeptizismus. Nach Kahneman kann System 1 nicht einfach ausgeschaltet werden.
So braucht es das Wechselspiel zwischen beiden Systemen, das Hegel sicher Vernunft oder zumindest vernünftig taufen würde. Wie es in der Definition zum System 1 heißt: Eindrücke, Gefühle und Neigungen kommen von System 1, und unterstützt von System 2 werden diese zu Überzeugungen, Einstellungen und Intentionen.
Die Bilder von Herrschaft und Knechtschaft sind außerordentlich mächtig, und eine weitere Interpretation dieses berühmten Kapitels abzugeben, ist bei einer so großen Wirkungsgeschichte sehr schwer. Karl Marx sieht in diesen Bildern den Klassenkampf. Die Stelle wird auch von Kojève gelesen, welcher die französische Philosophie, unter anderem Derrida und Foucault, stark beeinflusst hat. Andere Philosophen, die die beiden Bilder nicht als zwei Individuen lesen möchten, sind der Ansicht, es handele sich bei dieser Textstelle lediglich um zwei Momente in einem Individuum, denen Masken aufgesetzt wurden.
Es ist vielleicht das Beste, die großen Interpreten, von denen es noch viele weitere gibt, an dieser Stelle bei ihren Ansichten zu belassen. Die Phänomenologie des Geistes wird als ein Buch der kleinen Drehbücher gelesen, die von Hegel gemalt wurden. Natürlich gibt es genug Stellen des Fahrtenmotivs, mit denen die Phänomenologie vergleichbar ist; auch das Gedicht von T. S. Eliot, das als Zitat ganz am Anfang dieses Werkes steht, ist nur eine weitere Fahrt des sich entwickelnden und erkennenden Geistes.
Was gibt es nun für Wechselwirkungen zwischen System 1 und System 2? Da ist zum einen die Aussage, dass System 1 von System 2 so programmiert werden kann, dass Aufmerksamkeit mobilisiert wird, wenn ein bestimmtes Muster erkannt wird.
System 1 hat mehr Einfluss auf das Verhalten, wenn System 2 beschäftigt ist, und es hat eine Schwäche für Süßes. Durch ein zu hohes Maß an kognitiver Leichtigkeit springt System 2 nicht an. Leichtigkeit knüpft sich an mehrere Momente: wiederholte Erfahrung als Ursache dafür, dass sich etwas vertraut anfühlt; klare Darstellung, die etwas wahr erscheinen lässt; eine geprimte Vorstellung, die sich gut anfühlt; und gute Laune, die etwas mühelos erscheinen lässt. Wie ähnlich ist dies einer linearen, unreflektierten Aneinanderreihung menschlicher Kompetenzen.
Was hätte Hegel dazu gesagt? Es sind die Momente der Anstrengung, des Automatisierens und auch der Faulheit in der Hegelschen Begrifflichkeit der befreienden Gewohnheit. Gewohnheit ist in Hegels spätem System ein Teil der Anthropologie, in dem die Seele, die sich noch von der Natur lösen muss, im Mittelpunkt steht. Die Seele ist noch im Anderssein der Natur eingebunden. Die Seele ist wahrhaft Allgemeines, welches schon die Besonderheit des von ihr beseelten Körpers als Leib begreift. Es ist noch nicht die Ebene der Intelligenz und auch noch lange nicht ein hoher Moment an Reflexivität oder Freiheit. Die Gewohnheit nimmt ihren Platz in der fühlenden Seele ein, zwischen natürlicher und wirklicher Seele.
Die natürliche Seele hat zunächst noch die natürliche Qualität im Leben auf der Erde, sie unterwirft sich im nächsten Schritt den natürlichen Veränderungen und gelangt in der beginnenden Konzentration in die Empfindung. In der fühlenden Seele nehmen die Denkfiguren noch die Stufen des ahnenden Gefühls und des Selbstgefühls ein, bevor diese zur Gewohnheit werden. In der Stufe des ahnenden Gefühls beschreibt Hegel das Träumen, das Kind im Mutterleib und einen Menschen, der einmal auf sein äußerliches Leben blickt und auf der anderen Seite schon innerlich ein Mensch in seinem Tun ist. Das Gefühl beziehungsweise Selbstgefühl steht an dieser Stelle im Mittelpunkt; eine Trennung, eine Verdopplung und Distanz zwischen Seele und Welt führt zu unterschiedlichen Formen der seelischen Krankheit. Die Aufhebung von Zerrissenheit und die Formen von Krankheit sind eine neue Form der Freiheit, die Gewohnheit ist.
Die äußeren Inhalte sind in das Individuum eingearbeitet, es kann frei über diese verfügen. Die Gewohnheit entsteht durch Wiederholung vieler einzelner Vorgänge und durch Reflexion. Sie darf nicht mit einer rein mechanischen Wiederholung verwechselt werden; andererseits ist die reine Gewohnheit auch eine Form der Unterwerfung, da diese noch unfrei ist und nicht den reflexiven Charakter des Denkens in sich trägt.
Die Gewohnheit härtet das Individuum gegen äußere und innere Eindrücke ab, sie hat die Möglichkeit, Ereignisse zu zähmen. Ferner erzeugt die Gewohnheit eine Abstumpfung gegen Triebe und Begierde. Durch die Wiederholung entsteht Geschicklichkeit. Hegel wendet noch ein, nicht abschätzig von der Gewohnheit zu reden und sie nicht zu unterschätzen. Erst in diesem Fall ist die Aufmerksamkeit stabil und nicht beliebig ablenkbar. Für die Gewohnheit heißt es weiterhin in Bezug auf Gedächtnis und Erinnerung:
Die Gewohnheit ist der Mechanismus des Selbstgefühls wie das Gedächtnis der Mechanismus der Intelligenz.
Und, wie bereits im Abschnitt über Turing erwähnt, heißt es später:
Die entwickelte und im Geistigen als solchem betätigte Gewohnheit aber ist die Erinnerung und das Gedächtnis, weiter unten zu betrachten.
Hegel würde die kognitive Leichtigkeit in den Bereich der Seele beziehungsweise in das Umfeld der Gewohnheit verorten. Noch nicht zum Denken erhoben, macht die rein mechanische Wiederholung die Dinge vertraut. Das ist einerseits gut und ein befreiender Akt, kann allerdings auch zu Fehlschlüssen führen, wenn man sich diesen Irrtümern oder Mechanismen nicht bewusst wird. Die gute Laune ist klar ein Gefühl und kann ebenfalls in der fühlenden Seele positioniert werden. Die Gewohnheit kann mit schönen Textfarben, kleinen Vorabeinblendungen oder einer Anstrengung, die eine schlechte Handschrift verursacht, das System 2 auf den Plan rufen. Die Fehlerquote verändert sich, wenn System 2 gefordert oder angestrengt wird.
Hegel redet selbst von der Anstrengung auf einem verschlungenen Wege in der Vorrede zur Phänomenologie:
So wenig ein Gebäude fertig ist, wenn sein Grund gelegt worden, sowenig ist der erreichte Begriff des Ganzen das Ganze selbst. Wo wir eine Eiche in der Kraft ihres Stammes und in der Ausbreitung ihrer Äste und den Massen ihrer Belaubung zu sehen wünschen, sind wir nicht zufrieden, wenn uns an dieser Stelle eine Eichel gezeigt wird. So ist die Wissenschaft, die Krone einer Welt des Geistes, nicht in ihrem Anfange vollendet. Der Anfang des neuen Geistes ist das Produkt einer weitläufigen Umwälzung von mannigfaltigen Bildungsformen, der Preis eines vielfach verschlungenen Weges und ebenso vielfacher Anstrengung und Bemühung.
Bereits in der Gewohnheit ist auffällig, dass Hegel diese mit dem Gedächtnis und der Erinnerung in Verbindung bringt. Ein Psychologe namens Herbert Simon macht dies genauso:
Die Situation liefert einen Hinweisreiz für einen Experten; dieser Hinweisreiz gibt dem Experten Zugang zu Informationen, die im Gedächtnis gespeichert sind, und diese Informationen geben ihm die Antwort. Intuition ist nicht mehr und nicht weniger als Wiedererkennen.
In der Terminologie von System 1 und 2 bedeutet dies:
In der ersten Phase wird durch eine automatische Funktion des assoziativen Gedächtnisses, System 1, ein vorläufiger Plan ins Bewusstsein gehoben. Die nächste Phase ist ein zielgerichteter, willentlicher Prozess, in dem der Plan mental simuliert wird, um seine Effektivität zu überprüfen, eine Operation von System 2.
An dieser Stelle sei angemerkt, dass vom assoziativen Gedächtnis die Rede ist. Die Fähigkeit der Assoziationen beziehungsweise der allgemeinen Regel- oder Gesetzerkennung liegt für Hegel in der reproduzierenden Einbildungskraft, nicht unbedingt direkt im Gedächtnis selbst. Es ist die Rückkehr der Zielgerichtetheit, ein Moment, das man in Hegels System als das teleologische Element wiederfinden kann, das zweckgerichtet auf etwas hinstrebt: die Kategorie der Notwendigkeit.
Schach spielen ist eine Kompetenz, die aus vielen Minikompetenzen besteht. Aber das Erinnern an die vielen einzelnen Züge, Muster, Strukturen und wichtigen Merkmale macht den Schachspieler zu einem Profi. Es ist das Wiedererkennen von Wörtern und Strukturen, das den Erwachsenen befähigt, Wörter, die in verkehrter Buchstabenreihenfolge aufgeschrieben wurden, schnell und flüssig vorzulesen. Kinder haben noch Probleme dabei, da sie erst im Prozess des Lernens sind und sich noch nicht auf eine abstraktere Ebene konzentrieren können.
Es gibt auch manchmal Experten, die keine sind. Ihr Grad an subjektiver Überzeugung ist so hoch, dass sie der Ansicht sind, die Gewohnheit, die Erinnerung und die vielen Assoziationen aufgebaut zu haben. Die Gefahren liegen hier in der kognitiven Leichtigkeit und in der insgesamt stattfindenden Kohärenz. Wenn alles gut zusammenpasst, dann haben wir nicht das Bedürfnis, uns zu bemühen.
Quellen der Zitate: Daniel Kahneman, Thinking, Fast and Slow (2011), S. 448, 397, 292; G. W. F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, § 410, und Vorrede zur Phänomenologie des Geistes; Herbert A. Simon (2002).
Aus: Patrick Hedfeld, Das Pendel des Geistes. Positionen der Kognitionswissenschaft in Hegels System, Dissertation, TU Darmstadt 2014, Abschnitt 6.3.